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  RIO, RIO
Die Symbolhaftigkeit der Hütte
 

Der tägliche Weg zwischen Louisenstraße und Böhmischer Straße führt durch die Hinterhöfe am Nordbad und vorbei am schmalen Seitenflügel des Grundstückes Böhmische Straße 27, das kein Vorderhaus mehr hat. Kommt man von der Louisenstraße, zeigt sich der Seitenflügel nur als schmales Handtuch. An dessen linker Seite lehnen die Gebäude des Wohnprojektes Amselhof. Wir sehen die Nordfassade mit den vier übereinandergetürmten Fenstern. Sie erscheint als ein überdimensioniertes Postament einer Kunstausstellung.

Mich überfällt immer wieder der Wunsch, auf das Flachdach etwas draufzustellen, als könnte ich es mit einer Handbewegung - zack, dahin! Anfangs dachte ich noch an Schriftzüge wie LAXS, TESS oder KOMA, deren Buchstaben ringsherum Lampen haben und nächtens leuchten. Dann kehrten sich die Überlegungen um. Ich saß öfters auf dem Dach, schaute hinunter und stellte mir als Zeichner vor, in einer Art Schuppen sitzen zu können, aber mit einem großen Fenster nach Norden, hoch genug, daß man nur den Himmel sieht. Dabei den Stift über das Papier streichen lassen. So Gedanken nachhängen, dämmern zwischen Melancholie und Langeweile.

Der Gedanke an Schuppen oder Lauben, an einfache Bauten wurde immer plastischer. Egons Berg 9 Kilometer südlich von Neubukow in Nordwestmecklenburg am Poorstorfer Weg ist so ein Aufhänger. Der Berg erhebt sich 93 Meter über dem Meeresspiegel. Hier hinaufgehen, die Tür öffnen, sein Brot essen und auf die ferne See starren. Die See in 20 Kilometer Entfernung; und bei Sicht die Brücke nach Fehmarn sehen.

Das Material einfach zusammenzutragen, Bretter und Latten unter den Arm geklemmt und oben miteinander vernagelt. Über Jahre blieb diese Vorstellung erhalten. Sie wurde genährt vom Zusehen. Was haben wir auf die Schutthalden gefahren? Berge von Geschichte Ost. Und dann der Abriss, die Umbauten, die Sanierungen, die Entkernungen und der neue Leerstand; das durchzieht hier die Biografie Vieler.

Wie gehen wir mit dem um, was überflüssig ist, nicht mehr verwertbar und unrentabel erscheint? Die Reinigung der Keller und Wohnungen nach der Flut im Elbtal türmte Barrikaden am Straßenrand auf. Es waren Halden von Gebunkertem, reicher Müll. Von der Konserve, dem Selbsteingemachten, Spielzeug, Möbel, Schuhe, Zelte, aller Hausrat, dann alle Arten von imitierten Schick verquollen und Holz, Brennstoffe überhaupt, lag nackt oder in Schlammkruste auf der Straße. Einen Zirkelkasten der Firma Richter habe ich gefunden. Er war innen tadellos.

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Die Laube als ein Raum des Sinnierens, der Projektion. Die Laube als Nebenbau oder Anbau. Die den Charakter von Schuppen haben oder Pultdächern, die verlängert werden aus der Notwendigkeit, noch mehr unterstellen zu wollen. Ja, ordnend Herr sein wollen über die Habseligkeiten der eigenen Existenz (oft eine Illusion). Jedenfalls einen Ort zu haben, wie der Laubenpieper, Schrebers Gärtner, der ihn zum König macht, da er andächtig auf seine Zucht blickt. Also einen Ort der Einblicke gewährt, nicht der Aussicht wegen.

Das Studium unterschiedlichster Zeitschriften und Magazine führte mir eine unüberschaubare Menge von Anbauten vor, die oft ganz unterschiedliche soziale Situationen spiegeln, Zuwanderung und Armut auf der einen Seite, Design und Lebensqualität auf der anderen. Gleich ist aber, daß die Siedlungen mit der Geschwindigkeit der Verheißungen des Fortschritts wachsen. Welche Bedeutung haben Materialien und Technologien für unsere Idendität?

In den Armutsiedlungen manifestieren sich Möglichkeiten aus dem, was übrig ist, etwas zu machen. Mit solchen Dingen etwas zu errichten, was man miteinander auch bewegen kann. Aber nur so groß, um sagen zu können, hier ist ein Platz für uns. Diese Siedlungen sind Andockstationen. Von außen kommen und sich festsetzen. Der Fremde, der bleibt. Eine Unmöglichkeit. Jedenfalls für die Gesellschaft ein körperlich-epidemischer Vorgang.

Gleich ist auch, das all diese Siedlungen neues Land okkupieren und versiegeln. Dass sie Eingriffe darstellen, und nur als Leichnam wieder der Natur zurückgeführt werden. Regeneration der Natur ist nur in Nischen ohne Mensch, ohne Zivilisation möglich, obwohl wir ein Teil der Natur sind.

Die Symbolhaftigkeit der Hütte, des Zeltes und des Lagers war äußerster Anreiz und Beharrung auf der Idee: auf dieses schmale Postament des Hauses wird gebaut. Und all diese Überlegungen verknüpfen sich mit zwei Skulpturen, die diesen Charakter auch zeigen. Welche Relevanz ein solches Vorgehen und Eingreifen dann für dieses Haus in der äußeren Neustadt hat, ist zu untersuchen.

Was sollten es für Bauten sein?Zeltähnliche Kuben, gedacht ist an Steilwandzelte, an Zelte, die ich aus Kindertagen und Zeltlagern kenne. Aber in der Dimension von acht Meter Länge mal vier Meter Breite mal Dreimeterfünfzig und Dreimeterneunzig in der Höhe. Diese auf Träger montiert, aber so, daß das Flachdach gleich zur Entwässerung genutzt wird und als Baugrund.

Henry Puchert

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09.06.06